Autonomie

Autonomie ist ein zentraler Begriff im Menschenbild der Transaktionsanalyse. Autonomie bedeutet, in vollem Umfang der Mensch zu sein, der ich bin und der ich sein kann. Dabei wird Autonomie durch 3 Begriffe näher definiert: Bewusstheit, Spontaneität und Intimität. Autonomie ist für Eric Berne das anzustrebende Ideal der Veränderung und diese zeigt sich eben in der Wiedergewinnung der 3 oben genannten seelischen Fähigkeiten. Alle diese 3 Aspekte werden durch das Skript beengt, das in unserem Lebensroman bestimmte, gleichbleibende Muster im Fühlen, Denken und Handeln vorsieht (die zum Zeitpunkt der Entstehung jedoch durchaus berechtigt waren). Ist Skriptfreiheit (Verhalten) weitgehend erreicht (als idealer Wunsch-Zustand der Persönlichkeits-Entwicklung) und zugleich trübungsfrei, so kann man vom autonom gesteuerten Menschen sprechen.

Anmerkung: Von Geburt an bringen Eltern deren Kindern bei, wie sie sich verhalten und was denken, fühlen oder wahrnehmen sollen, um in der Welt (aus Sicht der Eltern) zurecht zu kommen. Damit sind während der ersten 2 oder 3 Lebensjahrzehnte diese Einflüsse für das biologische und soziale Überleben lebensnotwendig. Gerade deshalb aber ist die „Befreiung“ von diesen Einflüssen sehr schwierig. Da der Mensch jedoch bereits mit einer grundlegenden Autonomie und den damit verbundenen Fähigkeiten zur Welt kommt, entscheidet er sich im Rahmen einer damit verbundenen gewissen Entscheidungsfreiheit (Autonomie), welche „Lehren“ er akzeptiert. Und da sich Entscheidungen unter günstigen Umständen wieder ändern lassen, besteht die Möglichkeit der Wiedererlangung der Autonomie. Aber Achtung: Ein Verwerfen oder Ändern alter Verhaltensregeln ist niemals endgültig – wird „dürfen“ ständig darum kämpfen, nicht wieder in die alte Lebensweise zurückzufallen (wir alle kennen den Satz, „der Mensch ist ein Gewohnheits-Tier“).

Bewusstheit bedeutet, sich seines Fühlens, Denkens und Handelns bewusst zu sein. Dazu zählt auch, andere Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und auch Ähnlichkeit zu sich selbst wahrnehmen zu können, ohne diese gleich beurteilen (oder sogar verurteilen) zu „müssen“. Anders ausgedrückt kann man darunter auch die Fähigkeit verstehen, Dinge ungefiltert (also eben nicht bewertend oder beurteilend) als reine Sinneseindrücke zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu schmecken und zu riechen. Wer diese wache Bewusstheit hat, ist in Kontakt mit seinen eigenen Körperempfindungen und mit äußeren Reizen.

Spontaneität heißt, Wahlmöglichkeiten in Bezug darauf zu haben, wie der Mensch Gefühle ausdrückt und sich verhält, ohne dabei seinen Automatismen ausgeliefert zu sein. Spontaneität ist somit die Fähigkeit, aus einer großen Zahl von Alternativen im Fühlen, Denken und Verhalten frei auszuwählen. Der spontane Mensch reagiert auf die Welt direkt, ohne Teile der Realität auszublenden oder umzuinterpretieren. Spontaneität bringt mit sich, dass der Mensch frei aus irgendeinem seiner Ich-Zustände heraus reagieren kann.

Intimität meint, Nähe zu anderen Menschen herzustellen, indem man sich verstehend in andere Menschen einfühlen kann. Unter Intimität versteht man somit, dass sich Menschen ihre Gefühle und Wünsche offen mitteilen. Dabei sind die ausgedrückten Gefühle echt und verborgene Motive und somit auch Psychospiele sind ausgeschlossen.

Autonomie könnte man auch mit der Freiheit vom Skript gleichsetzen. Ian Stewart und Vann Joines schlagen daher folgende Definition für Autonomie vor: „Verhalten, Denken und Fühlen, das eine Reaktion auf die Realität im Hier und Jetzt darstellt und nicht eine Reaktion auf Skriptüberzeugungen.“ Das bedeutet nicht, dass nur noch das Erwachsenen-Ich aktiv ist. Es ist vielmehr so, dass das Erwachsenen-Ich die Steuerung übernimmt und situationsbezogen die anderen Ich-Zustände einsetzt. Eric Berne hat dafür den Begriff „integriertes Erwachsenen-Ich“ vorgeschlagen. Der Weg zur Autonomie bedeutet deshalb im Prinzip, dass man sich in verbindlicher und bewusster Form von den automatisierten Einflüssen des Eltern- und Kind-Ich löst, so dass man zwar bei passender Gelegenheit bewusst darauf zurückgreifen kann, diese aber nicht mehr zum (unbewusst) bestimmenden Faktor im eigenen Leben werden.

Merke: Autonomie und Skriptfreiheit sind keine Ziele, die jemals vollumfänglich erreicht werden können. Die persönliche Entwicklung ist ein Weg. Je länger wir auf diesem Weg unterwegs sind, umso mehr nimmt der Einfluss des Skripts ab und die Autonomie zu.

Zum Schluss: Im Sich-Einlassen auf andere Menschen und die Welt entsteht auch Verantwortlichkeit. Diese vierte (zusätzliche) Komponente ist wesentlich, denn Autonomie bedeutet nicht Selbstbezogenheit und Egoismus. Zu Autonomie gehört sinngemäß die Fähigkeit, Verantwortung für seine Gefühle und Entscheidungen zu übernehmen, die Realität so zu sehen, wie sie ist, sich anstehenden Problemen zu stellen und ihre Lösung anzupacken, aus allen gemachten Erfahrungen, auch aus den unangenehmen oder schmerzlichen, zu lernen, um sich zu entwickeln (und nicht zu verdrängen), aufrichtig mit sich und seinen Mitmenschen umzugehen und sich für soziale und Umweltdinge zu interessieren und zu engagieren.